11/11/2025
Hier noch einige Impressionen von der Verleihung des queeren Don Quijote Preises bei uns vor Ort am 05. November. Wir möchten uns bei der diesjährigen Jury recht herzlich bedanken!
Und nun zu den Preisträger-Filmen, zu denen wir jeweils Auszüge aus der Jury-Begründung beifügen möchten:
Gewinner Langfilm:
THE MYSTERIOUS GAZE OF THE FLAMINGO
Mit THE MYSTERIOUS GAZE OF THE FLAMINGO präsentiert der chilenische Regisseur Diego Céspedes ein außergewöhnliches Spielfilmdebüt, das die Jury zutiefst berührt und beeindruckt hat. Der Film entführt das Publikum in eine kleine Bergbaustadt der 1980er Jahre, in der eine unerklärliche Krankheit Angst, Misstrauen und Gewalt auslöst. Im Zentrum steht die zwölfjährige Lidia, das einzige Kind in einer Gemeinschaft von Transfrauen, die angesichts zunehmender Bedrohung versucht, die Wahrheit über das Geschehen zu ergründen.
Hinter der mysteriösen Krankheit verbirgt sich dabei unübersehbar die Metapher für die Aids-Epidemie der 1980er Jahre – ein Kapitel, das in vielen queeren Gemeinschaften tiefe Spuren hinterlassen hat. Céspedes nähert sich diesem historischen Trauma mit Feingefühl und symbolischer Kraft, ohne je in Didaktik zu verfallen. Dabei gelingt es ihm gekonnt, die verwobene Geschichte von Leid und Hoffnung in eine filmische Welt zu übersetzen, die magisch, poetisch und zugleich zutiefst menschlich ist...
Besondere Erwähnung Langfilm:
NINJA MOTHERF*CKING DESTRUCTION
NINJA MOTHERFCKING DESTRUCTION von Lotta Schwerk erhält eine besondere Erwähnung der Jury für das einzigartige und feinfühlige Storytelling. Die Geschichte begleitet die beiden Freundinnen Leonie und Marlene von der späten Jugend bis ins junge Erwachsenenalter und zeichnet dabei ein intensives und authentisches Porträt queeren Erwachsenwerdens.
Der Film beeindruckt durch seine schonungslose, zugleich einfühlsame Darstellung von Freundschaft, Liebe, Depression und Selbstfindung und zeigt, wie sich Identität, Nähe und persönliche Freiheit in der Dynamik zwischen zwei besten Freundinnen entfalten.
Besonders hervorzuheben ist die außergewöhnliche Produktionsgeschichte: Lotta Schwerk hat den Film zusammen mit den Schauspielerinnen in einem Zeitraum von acht Jahren gedreht und damit eine Langzeitstudie des Erwachsenwerdens kreiert, die in ihrer Authentizität und Intimität an Projekte wie BOYHOOD (2014 USA; Richard Linklater) erinnert...
Wir als Jury sind zuversichtlich, dass die zukünftigen Werke der Filmemacherin ebenso besonders und fesselnd sein werden.
Gewinner Kurzfilm:
SKIN ON SKIN
Der Kurzfilm SKIN ON SKIN von Simon Schneckenburger beeindruckt die Jury durch seine kraftvolle, visuell herausragende und inhaltlich tiefgründige Erzählung. Inmitten der entmenschlichenden Kulisse eines Schlachthofs erzählt der Film die bewegende Geschichte von Jakob (Jonas Smulders) und Boris (Jurij Drevensek) – zweier homosexuelle Männer, deren Beziehung geprägt ist von Leidenschaft, Machtspielen und dem ständigen Druck prekärer Arbeitsverhältnisse. Schneckenburger gelingt es, diese komplexen Dynamiken in einer Geschichte zu verdichten, die gleichermaßen berührt und verstört.
Besonders hervorzuheben ist die besondere Kameraarbeit, die den Zuschauer nah an den Figuren und ihren Emotionen bleiben lässt. Durch intime Einstellungen, präzise Kompositionen und subtile Kamerabewegungen wird jede Regung spürbar, jede Unsicherheit
und jede Spannung unmittelbar erlebbar. Zusammen mit der sorgfältigen Lichtsetzung und dem immersiven Sounddesign gelingt es dem Film, eine intensive Nähe zu Jakob und Boris hervorzubringen, die das Publikum packt und nicht mehr loslässt.
Die Authentizität des Sets und der Locations ist beeindruckend; die Darstellung des Schlachthofs wirkt so realistisch, dass die bedrückende Symbolik – der Kapitalismus, die Grausamkeit der Fleischindustrie, die Ausbeutung und Entmenschlichung migrantischer Arbeitskräfte - unmittelbar spürbar wird...
Besondere Erwähnung Kurzfilm:
NEXT DOOR (NEBENAN)
Der Kurzfilm „Nebenan“ ist eine kraftvolle Antwort auf die aktuellen Geschehnisse in Deutschland und fungiert zugleich als eine eindringliche Warnung vor dem Wiedererstarken des Rechtsextremismus. Um die Dringlichkeit der politischen Bedrohung spürbar zu machen, hat sich der Autor und Regisseur, Lukas März, bewusst für das Horrorgenre entschieden. In das Zentrum seiner Geschichte setzt er ein homosexuelles Paar, das in ihre erste gemeinsame Wohnung zieht und dort einer mysteriösen Tür gegenübersteht, hinter der sich etwas Bedrohliches zu verbergen scheint. Hierbei ist bemerkenswert, wie der Film mit Symbolik arbeitet: Die Tür wird zum Sinnbild dafür, wie der Faschismus langsam und schleichend in die Privatsphäre und das Zuhause der Menschen eindringt und ihrer Freiheit beraubt. Die Kombination aus schaurigen Sounds, geheimnisvoller Lichtsetzung, gelungener Bildkomposition und effektiven Jump-Scares verstärkt die angespannte Spannung und lässt den Horror authentisch spürbar werden. Hervorzugehen ist die Entscheidung, Adolf Hi**er als Horrorfigur in den Film zu integrieren. Dessen Darstellung wirkt bedrohlich und zugleich überspitzt, was dem Film einen satirischen Glanz verleiht.
In Anerkennung seiner erzählerischen und symbolischen Bildsprache würdigt die Jury den Kurzfilm „Nebenan“ mit einer besonderen Erwähnung.