18/05/2026
Paradiesvogelritt durch die Arktis!
Ich wusste es vorher. Irgendwas wird mit dem Wetter sein! Nach sechs, sieben Festen hintereinander, in denen wir mit strahlendem Sonnenschein beschenkt worden waren, hat es uns nun also mal voll erwischt - und zwar so richtig auf die Zwölf
Diese fiese, ewige Kälte!! Das war easily das kälteste Paradiesvogelfest. Es fühlte sich an wie eine gemeinsame Partykarawane quer durch die Arktis.
Schon die letzten drei Aufbautage waren brutal bei dieser bitteren Kälte. Geregnet hat es dazu, immer wieder und immer wieder heftig. So verbrachte ich den Donnerstag in den alten Bergschuhen meines Vaters. Die sind mir zwar zu klein, aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine trockenen Outdoorschuhe mehr und lieber tun mir die Zehen weh, weil sie in den Lederfestungen meines Vaters vorne anstoßen, als weiterhin nasse, kalte Füße.
Spätestens am Donnerstag war klar: der Campingplatz säuft uns ab. Die Zufahrt verwandelte sich in eine Sumpflandschaft. Mir gelang es, am Männertag einen fahrtüchtigen Traktoristen aufzutreiben.
So lernt man neue Leute kennen - und stellt fest, wer in Krisensituationen zu voller Größe ausfährt. Jason, Holger und Ralf kümmerten sich zusätzlich um Hackschnitzellieferungen, denn auch im Schlosshof und bei den Händlerständen weiter unten setzte die Versumpfung ein. Das ganze Team hielt Stand unter diesen Extrembedingungen - und die Infrastruktur.
Der Maschinenraum vermeldet stolz: kein einziger Stromausfall! Der neue Stromanschluss, der Stallbühne, Marktstrand und Absinthbar in einem eigenen Stromkreis versorgt, hat sich voll bewährt.
Besucherseitig? Der Männertag, in den letzten Jahren oft der stärkste Tag des ganzen Festivals, war so schwach wie mancher Mittwoch es nicht gewesen ist. Hatte der Paradiesvogeldonnerstag doch vor allem Familien mit Kindern angezogen, die eine Alternative zum nach Geschlechtern getrennten Dauerbesäufnis suchen. Mit kleinen Kindern in diese Eishölle? Eher nicht. Auch für Schönwetter-Partygäste gab es rein gar keinen Anlass, zu kommen.
Und trotzdem waren Leute da. Traktoren und Hackschnitzel stabilisierten die Situation auf dem Campingplatz. Aber die PKWs der Tagesgäste da raufzuschicken, wäre verrückt gewesen. Also Krisensitzung mit Bürgermeister Hammerschmidt, der Polizeiinspektion, dem Ordnungsamt: das Parken an den Straßenrändern wird freigegeben. Die Hessbergerstraße wird temporär zur Einbahnstraße erklärt. Gemeinsame Lösungen. Pragmatismus.
Aber wie diese neue Parkordnung kommunizieren und durchsetzen? Am Freitag führte das neue Parkregime zu einem ziemlichen Chaos. Am Samstag hatten wir - hatte der unermüdliche Jason! - seine Parkeinweisertruppe komplettiert und es gelang, die Situation zu strukturieren.
Soviel von der Rückseite der Veranstaltung und aus meinem eigenen Erleben: Dauerkrisenmodus, der permanente Ausnahmezustand.
"Im Sturm zeigt sich der wahre Kapitän", heißt es. Ich würde als Paradiesvogelkapitän gerne hervorheben: im eisigen Sturm bei hohem Seegang zeigen sich vor allem Qualität und Festigkeit der Crew! Lauter Arbeitsbereiche, die unter teilweise aberwitzigen Bedingungen stur zuverlässig funktioniert haben! So viele Probleme, die im Crew-Chat auf Discord gelöst, so viele Aufgaben, die spontan übernommen wurden!
Und während wir alles aufboten, um das Fest am Laufen zu halten, feierten die Paradiesvögel eine wunderbare Party. Ein großartiges LineUp würde von einer großartigen Toncrew klanglich perfekt auf den Platz gebracht. Die Bars, Cafés und Küchen vorsorgten die dann doch wieder erstaunlich große Menge. Das Schlossinnere blieb kalt, aber sauber. Die Schichten von mehr als 80 Helfern rollten durch den Tag. Der nagelneue Wellnessbereich mit zwei Saunen konterte die Temperaturen knapp über dem Nullpunkt. Und jetzt das Schlosstor auf, alle auf die Seite, eine neue Holzlieferung trifft ein für das Lagerfeuer...
Jetzt ist das ganze eine Musikveranstaltung. Von dieser Seite des 16. Paradiesvogelfestes mögen andere berichten. Für mich war die geniale Feuershow spät am Samstag der erste Programmpunkt, den ich mir ansehen konnte.
Zu diesem Zeitpunkt war bei mir die große Erleichterung eingetreten: die Situation war endgültig stabilisiert, ich hatte mein Debütkonzert mit Barnikel exzellent über die Bühne gebracht, sowie eine Zahl von der Geldsammelstelle erhalten, die in Aussicht stellte: ich werde irgendwie aus den Kosten raussegeln!
Monatelange Arbeit und am Ende Plus-Minus-Null oder sogar ein kleines Defizit? Ja. Und was für ein Erfolg ist das!
Unter diesen schon aberwitzigen Bedingungen und bei in den letzten Jahren absurd eskalierten Produktionskosten nicht ins Defizit gefahren zu sein, das ist die größte unternehmerische Leistung meines bisherigen Lebens.
Wir hatten weitaus weniger Gäste als seit vielen Jahren, denn bisher kamen auf eine Dauerkarte drei Tageskarten. Und die Tageskassen hat uns das Wetter täglich zerlegt.
Gerettet hat mich eine Serie klarer, unternehmerischer Entscheidungen: Pfand nicht mehr auf die Gläser, sondern Pfandmarken! Die Möglichkeit, digital zu bezahlen! Die neue Crew an der Absinthbar! Die neue Tagesbar Therese! Dazu einige klare Entscheidungen gegen einzelne, durchaus sinnvolle Kostenpunkte und erfolgreiche Rabattverhandlungen, zum Beispiel mit der Brauerei.
Überhaupt habe ich bei diesem Fest gelernt, "Nein!" zu sagen. Nichts hält den Verkehr mehr auf als Ampeln, die ständig auf Gelb stehen. Ich hatte auch wenig Zeit für Erklärungen, denn die zu treffenden Entscheidungen waren zahlreich und immer dringlich. Ein klares Nein und ein klares Argument, das es begründet - damit können Menschen viel besser umgehen, als mit unklaren Ansagen und Herumgeeiere.
Dazu weiß man ja nicht, wozu dieser Paradiesvogelritt durch die Arktis gut gewesen ist. Gewachsen ist dieses Fest einst im Dauerregen und unter starkem Polizeischutz.
Die ersten sechs, sieben Feste hatten wir grauenvolles Wetter, aber legendäre Paradiesvogelfeste. Eine gemeinsame Extremerfahrung zieht einer Community, unserem Paradiesvogelindianerstamm, einen Boden von ganz anderer Festigkeit ein.
Und das beste Ergebnis 2026 lautet:
Wir haben eine echte Crew!
Prinz Chaos II.
PS: Der Vorverkauf für das Fest 2027 läuft bereits.