09/10/2026
Gut, zu behaupten, "Promis unter Palmen", "Big Brother", "Bachelor" oder all die anderen Reality-TV/Trash-TV-Formate seien "der gemeinschaftliche Kanal, in welchen von dem denkenden, bessern Theile des Volks das Licht der Weisheit herunterströmt", geht wahrscheinlich zu weit. Dennoch verweist die Spiegel-Journalistin Anja Rützel im Gespräch mit Content Creatorin Silvi Carlsson und Salon-Moderatorin Lida Shams-Mostofi am letzten Montag im Conti-Hörsaal auf Schillers "Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet"; ein Text, der ja letzlich sage, dass, wer sich Menschen anschaue, fürs Leben lerne.
Wir alle wissen natürlich, dass da durchaus Unerbauliches vor der Kamera; geschieht; vieles, das sich zum Frendschämen eignet. Oder noch Schlimmeres. Wir alle wissen auch, dass genau das der Punkt solcher Sendungen sein kann. Manchmal habe sie schon schlechtes Gewissen, sagte Silvi Carlsson, die Frage nach der Verantwortung stelle sich ihr und Rützel -- vor allem aber den Sendern selbst. Unsere beiden Gäste machten nie einen Hehl aus der Ambivalenz, die die berufliche Beschäftigung mit Reality-TV mit sich brächte.
Doch sie warnten auch vor Überheblichkeit und pauschaler Abwertung. Weil, siehe Schiller. Reclaim the Trash, da waren sich unsere Gäste einig. Und irgendein Grund muss es haben, dass die Kernzuschauerinnenschaft von Reality-TV Frauen mit akademischen Hintergrund sind. Am Ende kürten wir die Gewinnerin unseres Wissens-Quiz zur Trash-Queen: Rützel Royal. Als Gleiche unter Gleichen: Auch Carlsson kriegt Krone!
Wer immer noch über das Kulturphänomen Trash-TV lästert, frage sich, wo man besser sehen kann, wie und "wo Laster und Tugend, Glückseligkeit und Elend, Torheit und Weisheit in tausend Gemälden faßlich und wahr an dem Menschen vorübergehen, wo (...) alle Larven fallen, alle Schminke verfliegt und die Wahrheit unbestechlich wie Rhadamanthus Gericht hält."
Großer Dank an die Stiftung Kulturregion!
Fotos: Rosa Burczyk