03/06/2026
„Man ist in Europa ein Mal Staatsbürger und zweiundzwanzig Mal Ausländer.“ Kurt Tucholsky, 1924.
Rund 60 Jahre später wurde dieser Slogan bekannt und beliebt:
"Alle Menschen sind Ausländer -- fast überall."
Die Idee, dass wir alle -- egal wo, wer, wann wir sind -- Ausländer seien, Fremde also, ist nicht neu.
Ece Temelkuran, die uns am Montag besuchte, denkt das in ihrem Brief-Buch "Nation of Strangers" (Rowohlt Verlag) noch weiter und überträgt die Idee der Heimatlosigkeit auch auf Entfremdungserscheinungen in der Hypermoderne (zB: KI). Sie weiß, wovon sie redet, wenn sie mit Salon-Moderatorin Lida Shams-Mostofi über Heimatskrisen als Identitätskrisen spricht. Denn sie ist Exilantin in Deutschland, seit sie 2016 aus der Türkei flüchtete.
Tucholsky hängte ans obige Zitat übrigens noch einen nicht unwichtigen Satz dran: "Wer weise ist: dreiundzwanzig Mal." Temelkuran nimmt genau die andere Richtung und fordert dazu auf, überall Inländer zu werden. Wem der Titel ihres Buches noch nicht programmatisch genug ist, lese den Untertitel: "Unsere Heimat sind wir". Die Heimat der Heimatlosen: die Gemeinschaft, die Empathie, das Menschliche.
Man kann das naiv finden, aber das ändert nichts an der Aktualität, Dringlichkeit und der poetischen Kraft der Briefe, die in Ausschnitten von Anja Herden vom Schauspiel Hannover vorgetragen wurden.
Großer Dank an die VGH-Stiftung für die Förderung unserer Reihe "Atlas der Literaturen".
Danke auch für die stets zuverlässige Unterstützung bei der Dolmetschtechnik durch die Firma teiwes.av Veranstaltungstechnik.
Fotos: Magdalena Vidovic