19/08/2024
Über 600 Leute fanden bei einem Picknick die Freiheit. Das klingt absurd, ist vor genau 35 Jahren aber genau so passiert. Und für mich persönlich ähnlich absurd: Der Bundespräsident hatte mich eingeladen, heute mit ihm zum Ort des Picknicks zu reisen.
Was war da los?
1. Es ist 1989, die Mauer steht noch. Wer im Osten wohnt, darf nicht in den Westen. Aber die Konstruktion kriegt allmählich Risse. Nicht von allein, sondern weil viele Leute sich wehren, die dabei ihr Leben riskieren.
2. Ungarn fängt im Sommer '89 an, die alten Überwachungsanlagen an der Grenze abzubauen. Manche wollen es jetzt ganz genau wissen. Wenn viele auf einmal über die Grenze fliehen, was passiert dann? Wird die Sowjetunion Panzer schicken? Es werden Flugblätter verteilt, die zum „Paneuropäischen Picknick“ an der ungarischen Grenze bei Sopron einladen. Viele verstehen: Es geht nicht um ein Picknick, es geht um Freiheit.
3. Hunderte kommen aus der DDR zur Grenze. Es läuft nicht nach Plan, aber das Wichtigste gelingt: Über 600 Leute öffnen das Tor im Zaun und überqueren die Grenze. Ungarische Grenzsoldaten stehen daneben. Sie haben einen klaren Schießbefehl, aber missachten ihn. Heißt: Wer über die Grenze ging, musste fürchten, erschossen zu werden.
4. Viele sagen: Mit dem Paneuropäischen Picknick vor 35 Jahren hat die Mauer ihren ersten großen Riss bekommen. Die größte Massenflucht seit dem Mauerbau war geglückt – ohne ein Blutbad. Unstrittig ist: Viele waren damals grenzenlos mutig und erkämpften für sich und andere die Freiheit. Heute gibt es keinen Eisernen Vorhang mehr in Europa. Niemand muss fürchten, an der Grenze erschossen zu werden.
5. Politik ist mir am liebsten, wenn wir direkt was ändern können. Problem, Lösung und so weiter. Ich glaube trotzdem, dass solche Geschichten wie vom Paneuropäischen Picknick wichtig sind. Wir alle brauchen Vorbilder. Und weil auch die beste Geschichte in Vergessenheit gerät, wenn wir nicht an sie erinnern, war ich heute gerne bei der Gedenkfeier in Sopron. Mein Uropa ist früher von seinem 60 km entfernten Hof mit der Kutsche dorthin auf den Markt gefahren. Heute durfte ich mit dem Präsidenten dorthin fliegen. Auch eine absurde Geschichte.