24/01/2026
So gerne hätten wir nochmal mit dir blaugemacht …
RIP Angelika Mann 😥
Zum Tod von Angelika Mann
Das erste Mal habe ich sie im Volkshaus Weißensee gesehen, ich war ein Junge von 15 Jahren. Da saß sie schon auf der Bühne, hinter ihrer Orgel. Sie trug einen schwarzen Rock, hatte die Mireille Mathieu Frisur und lächelte. Sie sang auch, sicher etwas von Janis Joplin. Dazu lächelte sie, wie auf ihren letzten Fotos, die ich auf ihrer Facebook Seite fand. Dass man sie die „Lütte“ nannte, wusste ich noch nicht. Zu der Zeit war der Job als Musikerin dort oben, im Rauch der Zi******en, im Geruch nach Bier, meist Männern überlassen, während Frauen am Kapellentisch, unten, vor der Bühne saßen. Ich konnte noch nicht wissen, dass sie ihren Spitznamen wegen ihrer Körpergröße hatte. Ich vermute stark, dass sie den Namen auch von Männern bekommen hat. Ich sah von unten nicht, ob sie groß oder klein war. Ihre große Stimme und ihr freundliches Lächeln konnte ich hören und sehen. Rockmusik entwickelte sich gerade erst aus der Tanzmusik. Sich als Frau in dieser Welt zu behaupten, muss hart gewesen sein. Ich habe sie dann schüchtern gefragt, ob sie, mit ihrer Band „Medoc“ bei uns zur Abschlussfeier der Zehnten Klasse spielen könnte, aber es kam nicht dazu.
In den Achtziger Jahren waren wir Kollegen geworden, aber es blieb beim freundlichen Zunicken, wenn wir uns gelegentlich hinter der Bühne trafen. Dann verschwand sie auf einmal, wie üblich in der DDR. Dabei war sie nur umgezogen, wie sie selber schrieb, von Berlin Buch, nach Berlin Rudow. Verschwinden hieß für bekannte DDR-Künstler, ab sofort wurde in keiner Öffentlichkeit mehr ihr Name genannt, ihre Lieder nicht mehr im Radio gespielt. Man tat so, als hätte es sie nie gegeben. Die Leute sagten dazu: Jeder ist ersetzbar. Auch ich machte weiter, wie bisher, ich verdankte meinen Aufstieg auch dem Weggang von Veronika Fischer, wodurch der Platz in ihrer Band frei wurde, für mich.
Umgekehrt muss für Angelika der „kleine Umzug“ in der Stadt hart gewesen sein, in vieler Beziehung. Was es für sie persönlich, für ihre Familie bedeutete, kann ich nur ahnen, aber sie erfuhr, dass der Job hinter der Mauer eine andere Wertigkeit bekam. Denn es war nicht nur der Wechsel in einen anderen Stadtbezirk, sondern auch in eine andere Welt, die nach anderen Regeln spielte, wo beruflich niemand auf sie gewartet hatte. Aber Angelika biss sich durch, wie sie sich auch in ihrem alten Leben durchgebissen hatte, nämlich mit ihren Fähigkeiten.
Inzwischen sind die Jahre vergangen. Wir sind beide geborene Berliner, die der Stadt ihr ganzes Leben treu geblieben sind. Dabei hatte Angelika etwas, was ich an der Stadt, trotz ihres Chaos, trotz ihrer Ruppigkeit, immer geliebt habe, Humor, der in der Form bei Angelika, Menschenfreundlichkeit war. Was ich auch an ihr bewundere, sie hat sich als Künstlerin immer wieder gerappelt. Denn es ist allein eine Kunst, in diesem Job so viele Jahre überlebt zu haben.
Schlaf wohl, liebe Kollegin, wie schade, ich hätte Dich gern noch näher gekannt.