Temporärer Ort für zeitgenössische Dichtung in Wien
Nächstes Poesiegalerie-Festival 6.- 8. November 2025
20/12/2025
Gedicht von heute: "Motorest" - Angelika Reitzer
'Motorest
Unterwegs sein, draußen
Ich schau
Ich nehme meine ganze verfügbare Überheblichkeit
viel ist es nicht
Jenseits des Straßenrands erst meine Fantasie
Endlich, Ebene, da spazieren
die untergegangenen Figuren Grillparzers
in Richtung Dünen
Vor einer Tankstelle an einer halbfertigen Autobahn
ruhen wir vom hundertjährigen Schlaf nur
einen Bruchteil kurz, bevor Grün und Gelb
von innen aufbrechen und der Wind
hereinkommt, weil das Fenster nicht ganz zugeht
Wetterstation im Böhmischen Wald, Bernhardiner
von früher, die Grenzposten schrauben die Bodenplatte ab
die Elbe hält Mittagsruhe vor dem Hochwasser"
Neue Besprechung: "Das Gedicht wirft Licht auf die Dinge"
Andreas Pavlic liest Angelika Reitzers Blauzeug. Gedichte
"Ich bewege mich durch das Gedicht wie durch verschlungene und verzweigte Gassen eines Rionis, wie die Stadtteile in Rom heißen, mit all den Anspielungen – die von mir aufgenommen oder liegen gelassen werden können. Ich muss zugeben, die meisten intertextuellen Stellen im Text kann ich nur erahnen, so wie ich die Schichten einer Stadt wie Rom oft nur erahnen kann.
Angelika Reitzer erzählt in diesem Gedicht von ihrem Aufenthalt in Rom in einer freien und assoziativen Form, mit Schnitten, Überlagerungen und Gleichzeitigkeiten. Sie verdichtet, und zugleich lässt sie das Gedicht fließen, jedoch nicht ruhig und rhythmisch, sondern ausufernd und mit Stromschnellen versehen.
„(...) Wir wollen mit elektronischen Geräten jeden Augenblick festhalten aber unser Blick bleibt unscharf: wir sind die TOURISTIN- NEN vom Sonntagvormittag streifen wie ausgewachsene KATZEN am Testacchio herum - Blauzeug, blau: die Sonne scheint auf die geduldigen GESCHÖPFE (jedes Tier passt haargenau auf einen sonnenbestrahlten Fleck) (...)“
Gedicht von heute: "Ziegenfraß" - Anna Maria Kalcher
"Ziegenfraß
Über dem Schnee
Wurzelschritte spitzfedrig
etwas wie Glaube an
Winterklee und Libellen
Gewächse ohne Glas
Jetzt nach dem Ziegenfraß
knarzt der Zweifel zwischen
Kristallen und ritzt seine
Initialen in einen Stängel
den einen der übrig blieb"
Gedicht von heute: "Ziegenfraß" von Anna Maria Kalcher. Zuletzt erschien "Der Tag trägt Mandarinen".
16/12/2025
Gedicht von heute: "besserwisser" - Hannes Vyoral
"besserwisser
wenn ich das schreibbuch zuschlage
an einem der trüben herbstabende
und auf ein bier gehe
liegen die gedichte im dunkeln
& beginnen sich zu unterhalten
über den verfasser
und seine kunst
und ihre mängel
denn die gedichte
wissen es immer besser"
Gedicht von heute: "ein Kutschengefährt" - Astrid Nischkauer
"ein Kutschengefährt das
so aussieht als käme es direkt
aus einem Gemälde Boschs
sehe lieber nicht nach was für
Wesen sich in ihm verbergen"
Gedicht von heute:"ein Kutschengefährt" von Astrid Nischkauer. Zuletzt erschien "Flügelspitze an Flügelspitze"
16/12/2025
Autoren und Verleger – ein Match?
Ratschläge eines alten Hasen an einen jungen
Satire von Udo Kawasser
Das Verlagsgeschäft ist hart. Darüber macht sich in dieser Branche niemand eine Illusion, weder Verleger*innen noch Autor*innen. Wie man einen Verlag erfolgreich führt, wissen nur wenige. Auf der Buch Wien im November konnten einige Autor*innen, die sich zufällig beim Poesiegalerie-Stand versammelt hatten, durch die Kojenwand hindurch einen gewieften Verleger dabei belauschen, wie er seine Erfahrungen in einer Art Dekalog an einen Jungverleger
1, Merk dir, die Autoren sollen keinen anderen Verleger haben neben dir, auch wenn du nur jedes dritte Buch von ihnen verlegst.
2, Wenn sie sich beschweren, ignoriere, was sie sagen. Schreiben sie E-Mails, dann am besten gleich wegklicken. Antworten sind zu verteilen wie Götterspeise.
3, Vergiss nie, die Autoren haben es auf dich abgesehen. Wenn du sie auf der Straße siehst, wechsle die Straßenseite, wenn sie dich grüßen, geh mit steifer Miene an ihnen vorbei. Ist ein Zusammentreffen unausweichlich, lass sie vor dir kriechen. Genieße das.
In einer Art Dekalog gibt ein alter Verleger auf der Buch Wien einem jüngeren Tipps, wie das Verlagsgeschäft zu führen sei.
15/12/2025
Ratschläge eines alten Hasen an einen jungen - Satire von Udo Kawasser
"Das Verlagsgeschäft ist hart. Darüber macht sich in dieser Branche niemand eine Illusion, weder Verleger*innen noch Autor*innen. Wie man einen Verlag erfolgreich führt, wissen nur wenige. Auf der Buch Wien im November konnten einige Autor*innen, die sich zufällig beim Poesiegalerie-Stand versammelt hatten, durch die Kojenwand hindurch einen gewieften Verleger dabei belauschen, wie er seine Erfahrungen in einer Art Dekalog an einen Jungverleger weitergab.
1, Merk dir, die Autoren sollen keinen anderen Verleger haben neben dir, auch wenn du nur jedes dritte Buch von ihnen verlegst.
2, Wenn sie sich beschweren, ignoriere, was sie sagen. Schreiben sie E-Mails, dann am besten gleich wegklicken. Antworten sind zu verteilen wie Götterspeise.
"Welche Bedingungen muss ein gelungenes Gedicht für dich erfüllen? Oder: Wann bist du sicher, dass ein Gedicht fertig ist?
ich schreibe ein gedicht. dann lese ich es mir laut vor. wenn ich meine stimme nicht höre, dann ist es noch nicht fertig. höre ich hingegen meine stimme, dann ist es vielleicht fertig. ich lese es mir immer wieder laut vor. und einmal kann es sein, dass ich dabei meine stimme höre. und beim nächsten mal kann es aber auch sein, dass ich sie wiederum nicht höre. es ist schwer bis gar nicht zu erklären, warum es einmal so ist und einmal so. das befolgen sprachlicher, grammatikalischer oder literarischer regeln hilft daraufhin manchmal weiter. jedoch nicht immer. das finden eines gedichts hängt somit mit dem finden meiner stimme zusammen."
mit deinem nabel verbunden
ein ort, der nicht genannt werden darf
der dich abstößt, der dich zieht
ort ohne geografie
du gehst durch biologische gleichungen
etwas scheppert mit jedem schritt
zwetschkenblüten, brotkrumen, heustadlschwüle
was du fasst, bleibt reglos
alles, jede*r verweigert sich
deiner sinne, die angeschlagen
um sich wuchten, um irgendwo anzudocken
(...)"
Gedicht von heute: "flucht, versuch eins" von Christopher Schmall. Zuletzt erschien "gegenstandslos". für die Poesiegalerie
12/12/2025
Gedicht von heute: "für die tür" - David Hoffmann
"für die tür
mach auf die tür
und schau
wie du kommst
wie du gehst
wie du schaust
auf dein kommen
auf dein gehen
auf dein schauen
wenn du gehst
komm, bleib stehen, schau
wenn du kommst
geh, schau, sag ciao
und ganz genau
auf dein kommen schau
und ganz genau
auf dein gehen schau
und ganz genau
auf dein schauen schau
bleib stehen
wenn du kommst
bleib stehen
wenn du gehst
und schau
ciao"
Gedicht von heute: "für die Tür" von David Hoffmann. Zuletzt erschien "einüben ins aussterben". für die Poesiegalerie
10/12/2025
Gedicht von heute: "Ich bin niemand." - Irena Habalik
'Ich bin niemand. Und wer bist du?
Emily Dickinson
Ich bin eine Wolke aus wild gewordenen Vokalen
Ein Wortfass ohne Boden für das Unfassbare
Bin ein Befeuchter
für ausgelaugte Smartphones, die die Verliebten
auf den Liebeswiesen verloren, bin eine
ewige Baustelle, auf mich kann man nicht bauen
Die guten Geister sind meine Verbündeten
sie helfen im Haushalt
täglich polieren wir Messer und Gabel
Bis in die Nacht wühle ich in den Gedächtnisfalten
Am Tag schleiche ich an den Hausmauern entlang,
mir kann man nicht vertrauen
(...)"
Gedicht von heute: "ich bin niemand" von Irena Habalik. Zuletzt erschiene "Male dein Schweigen" im Pop Verlag
Lassen Sie sich von uns eine E-Mail senden und seien Sie der erste der Neuigkeiten und Aktionen von Poesiegalerie erfährt. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht für andere Zwecke verwendet und Sie können sich jederzeit abmelden.
Die POESIEGALERIE versteht sich als Forum für zeitgenössische Poesie und wird vom 7.-9. November in der IG Architektur, Gumpendorferstr. 63B, 1060 Wien, einen Überblick über die aktuelle Lyrikproduktion in Österreich vermitteln. Nach der erfolgreichen Premiere im Vorjahr will die POESIEGALERIE auch heuer wieder der Dichtung und den Lyrik publizierenden Verlagen einen Ort der Sichtbarkeit geben und auch neues Publikum anziehen.
Das Herzstück der POESIEGALERIE sind 15-minütige Lesungen, die gelegentlich von Livemusik begleitet werden, und die ausgestellten Lyrikbände der teilnehmenden Verlage. In den sogenannten „Wilden Stunden“ erhalten DichterInnen ohne eigenes Buch die Möglichkeit, sich in 7-min-Lesungen zu präsentieren.
Heuer nehmen folgende 15 Verlage teil, bei denen wir uns besonders für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und das positive Echo auf die Idee bedanken möchte:
Bibliothek der Provinz, Czernin, Das fröhliche Wohnzimmer, Droschl, Edition Arts & Science, edition ch, Edition Keiper, Edition Korrespondenzen, fabrik.transit, Haymon Verlag, Klever Verlag, Limbus Verlag, manuskripte, Parasitenpresse, Podium Literatur, Sisyphus
Eröffnet wird die Poesiegalerie am Donnerstag 7.11. um 18 Uhr mit einer WILDEN STUNDE der Studierenden und AbsolventInnen der Sprachkunst an der Angewandten in Wien. Das detaillierte Programm für alle drei Tage ist dem Veranstaltungskalender zu entnehmen, der laufend aktualisiert wird. Außerdem werden bis zum 7.11. täglich Gedichte der teilnehmenden AutorInnen in der ONLINE-POESIEGALERIE publiziert.
Wir freuen uns auf ein großes Fest der Poesie und laden euch alle herzlich ein, dazu beizutragen.
Mit den besten Grüßen
Peter Clar, Monika Vasik, Udo Kawasser
VERANSTALTER: poesiegalerie. verein zur förderung der zeitgenössischen dichtkunst