31/10/2026
🍂 Samhain – Von Geistern, glühenden Kohlen und dem Licht in der Dunkelheit
Heute ist Halloween. Überall begegnen uns geschnitzte Kürbisse, Hexen, Geister und allerlei schaurige Gestalten. Kinder ziehen von Tür zu Tür, und längst ist aus diesem Abend ein riesiges Geschäft geworden.
Dabei steckt hinter vielen dieser Bräuche eine jahrhundertealte Geschichte, die ich viel spannender finde als das heutige Gruselspektakel.
Samhain war eines der bedeutenden Feste im alten keltischen Jahreskreis. Die Ernte war eingebracht, die Vorräte für den Winter angelegt, das Vieh wurde von den Sommerweiden zurückgeholt. Die helle Jahreshälfte ging zu Ende und mit ihr ein weiterer Kreislauf des Lebens.
Es begann die Zeit der langen Nächte, des Rückzugs und der Ruhe.
Nach alten Überlieferungen glaubte man, dass in dieser besonderen Nacht die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Toten durchlässiger wurde. Die Seelen der Verstorbenen konnten zurückkehren, aber auch andere Wesen aus der Anderswelt sollten unterwegs sein.
Man begegnete ihnen mit Respekt, manchmal auch mit Furcht. Speisen wurden bereitgestellt, Feuer entzündet und später verkleideten sich Menschen mit Masken und Fellen, um unerkannt zwischen den umherziehenden Geistern zu bleiben oder sie fernzuhalten.
Und damit kommen wir auch zu unserem Kürbis. 🎃
Ursprünglich waren es nämlich gar keine Kürbisse, sondern ausgehöhlte Rüben, in die man unheimliche Gesichter schnitzte. In Irland und Schottland gehörten solche Laternen zum Volksbrauchtum.
Dazu erzählt man sich die Geschichte von Stingy Jack, einem listigen Mann, der sogar den Teufel überlistet haben soll. Nach seinem Tod fand er weder im Himmel noch in der Hölle Aufnahme. Der Teufel gab ihm lediglich eine glühende Kohle mit auf den Weg, damit er durch die Dunkelheit wandern konnte. Jack legte sie in eine ausgehöhlte Rübe und irrte fortan mit seinem kleinen Licht umher.
Daher stammt der Name Jack-o'-Lantern.
Als irische Auswanderer diesen Brauch nach Amerika brachten, fanden sie dort die großen Kürbisse, die sich viel leichter aushöhlen ließen. So wurde aus der Rübenlaterne nach und nach unser Halloweenkürbis.
Ich finde es faszinierend, wie sich solche Geschichten über Jahrhunderte verändern und dennoch etwas von ihrem Ursprung bewahren.
Auch die großen Feuer, die man zu Samhain entzündete, hatten ihre Bedeutung. Sie gehörten zum Übergang in die dunkle Jahreszeit und standen für Schutz und Gemeinschaft. In manchen Überlieferungen wurden die heimischen Herdfeuer neu entfacht.
Wenn man bedenkt, wie abhängig die Menschen damals vom Feuer waren, bekommt ein solches Ritual eine ganz andere Tiefe.
Heute genügt ein Griff zum Lichtschalter. Damals bedeutete ein Feuer Wärme, Schutz, eine warme Mahlzeit und manchmal schlicht das Überleben.
Und vielleicht ist genau das etwas, was wir in unserer modernen Welt ein wenig aus den Augen verloren haben.
Wir haben uns so weit vom natürlichen Rhythmus der Jahreszeiten entfernt, dass uns die dunkle Zeit oft nur noch als etwas erscheint, das wir möglichst schnell hinter uns bringen möchten.
Dabei geschieht gerade jetzt so viel, auch wenn wir es nicht sehen.
Unter dem feuchten Laub arbeitet das Bodenleben. Pilzgeflechte durchziehen die Erde, zersetzen abgestorbenes Pflanzenmaterial und machen Nährstoffe wieder verfügbar. Samen warten auf ihre Zeit, Bäume ziehen sich in ihre Winterruhe zurück.
Nichts davon ist Stillstand.
Und auch wir Menschen brauchen solche Zeiten. Zeiten, in denen wir nicht ständig etwas leisten, erreichen oder festhalten müssen.
Samhain war auch mit der Erinnerung an die Verstorbenen verbunden. An jene, die vor uns gelebt, gearbeitet, geliebt und uns etwas hinterlassen haben.
Ich denke dabei gern an die Menschen, von denen ich gelernt habe. An meine Großeltern, an Geschichten aus früheren Zeiten, an altes Wissen über Pflanzen, Kräuter und die Natur, das oft ganz selbstverständlich von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.
Wie viel davon wäre wohl längst vergessen, hätte es nicht Menschen gegeben, die es bewahrt haben?
Vielleicht ist das für mich einer der wertvollsten Gedanken dieses alten Festes. Sich seiner Wurzeln bewusst zu werden und zu begreifen, dass auch wir nur ein Teil eines viel größeren Kreislaufs sind.
Natürlich dürfen Kinder ihren Spaß an Halloween haben. Ich mag die leuchtenden Kürbisse, die Fantasie und auch ein bisschen wohligen Grusel.
Aber die immer drastischeren Fratzen, blutverschmierten Gesichter und das regelrechte Zelebrieren von Grauen empfinde ich eher als befremdlich. Vor allem, wenn Kinder ganz selbstverständlich damit aufwachsen.
Dabei hat diese Nacht so viel mehr zu erzählen.
Von unseren Ahnen, von der Natur, von Vergänglichkeit und Neubeginn. Von der Bedeutung des Feuers und davon, wie kostbar ein kleines Licht in einer dunklen Nacht sein kann.
Vielleicht stelle ich heute Abend einfach eine Kerze ins Fenster, denke an die Menschen, die nicht mehr bei uns sind, und freue mich über das, was dieses Jahr mir geschenkt hat.
Und wenn draußen der Wind durch die letzten Blätter fährt, darf es ruhig ein wenig geheimnisvoll sein. 🍂🕯️
In diesem Sinne wünsche ich euch einen schönen Samhain-Abend